Nach dreijähriger Pause fand am 16. September 2026 erstmals wieder eine entitätenspezifische Qualitätskonferenz des KKRBB zum Mammakarzinom statt. Mehr als 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der onkologischen Versorgung in Brandenburg und Berlin folgten der Veranstaltung und nutzten die Gelegenheit, aktuelle Krebsregisterdaten zu diskutieren sowie Entwicklungen in der Patientenversorgung im Kontext wissenschaftlicher Evidenz und aktueller Leitlinienempfehlungen zu beleuchten.
Krebsregisterdaten als Spiegel der Versorgung
Zu Beginn informierte Daniela Schlichting über die Datenerfassung im KKRBB und gab praktische Hinweise zur Meldung von Mammakarzinomen. Im Mittelpunkt standen die verschiedenen Meldewege – bevorzugt die elektronische Übermittlung per XML-Schnittstelle oder alternativ über das Meldeportal. Perspektivisch sollen ab 2027 ausschließlich elektronische Meldungen im KKRBB verarbeitet werden. Ergänzend wurden mammaspezifische Dokumentationshinweise vorgestellt und auf das aktualisierte Manual plus 2026 hingewiesen, das kostenfrei online verfügbar ist.
Dr. med. Constanze Schneider stellte anschließend aktuelle Krebsregisterdaten des KKRBB zum Mammakarzinom vor. Dabei zeigte sich unter anderem, dass ein hoher Anteil der Erkrankungen bereits in frühen Tumorstadien diagnostiziert wird: Rund 79 % der erfassten Fälle wiesen ein UICC-Stadium I oder II auf. Für diese Patientinnen und Patienten sind die Überlebensaussichten besonders günstig.
Auch Unterschiede zwischen invasiv-lobulären und invasiv-duktalen Karzinomen wurden anhand verschiedener Merkmale wie Erkrankungsalter, Stadienverteilung, Hormonrezeptorstatus und Überleben betrachtet. Darüber hinaus zeigte die Auswertung, dass ein großer Anteil der Patientinnen und Patienten in einem zertifizierten Zentrum behandelt wird.
Die Betrachtung der Qualitätsindikatoren ergab insgesamt ein differenziertes Bild. Bei mehreren Indikatoren zeigt sich eine gute landesweite Versorgung. Gleichzeitig ist die Beurteilung einzelner Qualitätsindikatoren aufgrund möglicher fehlender Meldungen eingeschränkt. Dies betrifft insbesondere Angaben zur endokrinen Therapie und zur Trastuzumab-Therapie. Damit wurde zugleich deutlich, wie wichtig eine möglichst vollständige und qualitätsgesicherte Datenerfassung für die Bewertung der Versorgung ist.
Therapiewandel beim Mammakarzinom: Orientierung an mehr Lebensqualität
Prof. Dr. med. Dorothea Fischer, Chefärztin und Leiterin des Brustkrebszentrums am Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam, widmete sich der Behandlung der Axilla beim Mammakarzinom. Wissenschaftliche Evidenz und aktuelle Behandlungsempfehlungen weisen zunehmend in Richtung einer weniger radikalen operativen Therapie. Sentinel-Lymphknotenbiopsien haben an Bedeutung gewonnen, während Axilladissektionen zunehmend zurückhaltender eingesetzt, und wenn erforderlich, weniger Lymphknoten entfernt, werden. In bestimmten Situationen kann inzwischen sogar auf ein axilläres Staging verzichtet werden.
Diese Entwicklung ist auch in den KKRBB-Daten erkennbar: Seit 2007 zeigt sich ein kontinuierlicher Trend weg von der Axilladissektion hin zur Sentinel-Operation und zu einer Verringerung der Anzahl entfernter Lymphknoten bei Axilladissektionen. Damit lassen sich operative Belastungen und mögliche Nebenwirkungen wie Lymphödeme, Nervenschädigungen und chronische Schmerzen reduzieren, ohne dass dadurch nach aktuellem Kenntnisstand die Prognose verschlechtert wird.
Gleichzeitig zeigen die Registerdaten, dass bei der Umsetzung weiterhin Verbesserungspotenzial besteht. So wurden auch im Zeitraum 2024/2025 bei einem relevanten Anteil der Patientinnen mit Axilladissektion noch mehr als zehn Lymphknoten entfernt.
Von der Leitlinie in die Versorgungspraxis
Zum Abschluss stellte Prof. Dr. med. Michael Untch, Chefarzt für Geburtshilfe und Gynäkologie und medizinischer Onkologe am Helios Klinikum in Berlin-Buch, die Umsetzung aktueller Therapiestandards beim Mammakarzinom in den Mittelpunkt. Anhand zahlreicher spezifischer Fragestellungen wurde deutlich, dass die Empfehlungen aus den Leitlinien nicht in allen Bereichen gleichermaßen in der allgemeinen Versorgung umgesetzt werden.
Als Beispiele wurden unter anderem der Einsatz von CDK4/6-Inhibitoren wie Abemaciclib sowie die adjuvante Behandlung mit Pembrolizumab beim triple-negativen Mammakarzinom betrachtet. Gleichzeitig zeigen die KKRBB-Daten auch positive Entwicklungen, beispielsweise bei der Optimierung der endokrinen Therapie prämenopausaler Patientinnen und bei der neoadjuvanten Therapie mit Pembrolizumab beim triple-negativen Mammakarzinom.
Eine zentrale Frage der Diskussion war dabei, ob Abweichungen von empfohlenen Therapiestandards tatsächlich auf eine nicht leitliniengerechte Behandlung zurückzuführen sind oder ob teilweise auch eine unvollständige Dokumentation zugrunde liegt. Auch hier zeigt sich die besondere Bedeutung der Krebsregisterdaten: Nur auf Basis möglichst vollständiger und qualitativ hochwertiger Daten lässt sich die Versorgung verlässlich abbilden und weiterentwickeln.
Gemeinsamer Blick auf die Qualitätsentwicklung
Auch diese Qualitätskonferenz hat erneut eindrücklich gezeigt, welchen Beitrag die Daten des KKRBB zur kontinuierlichen Weiterentwicklung der onkologischen Versorgung leisten können. Sie machen Fortschritte sichtbar, zeigen Unterschiede und weisen zugleich auf Bereiche hin, in denen eine genauere Betrachtung oder weitere Verbesserungen erforderlich sind.
Der fachliche Austausch zwischen Krebsregister, Ärztinnen und Ärzten sowie weiteren Akteurinnen und Akteuren der Versorgung unterstrichen das Interesse an einer gemeinsamen, datenbasierten Weiterentwicklung der Versorgung von Patientinnen mit Mammakarzinom in Berlin und Brandenburg.
Die Vorträge der Qualitätskonferenz finden Sie hier: